Die Auwälder von Igneada – ein überschwemmter Wald am Schwarzen Meer an der Grenze zu Bulgarien
Wenn nach einem Regenguss das Wasser in den Bächen steigt, die vom Strandja-Gebirge herabfließen, geschieht in den unteren Hainen zwischen Seen und Dünen etwas, das man in der Türkei sonst fast nirgendwo mehr zu sehen bekommt: Eschen und Erlen stehen buchstäblich knietief im spiegelglatten Wasser, und ein Mensch mit einer Kamera wandert hier wie durch ein überflutetes Gemälde. Das sind die Auwälder von Igneada – ein 3155 Hektar großer Nationalpark an der nordwestlichsten Spitze des Landes, im Bezirk Kırklareli der Marmararegion, nahe der türkisch-bulgarischen Grenze. Der Park wurde am 13. November 2007 gegründet und ist der 39. Nationalpark der Türkei, der mehrere zuvor verstreute Naturgebiete vereint. Die Auwälder von Igneada sind ein für das Mittelmeerbecken äußerst seltenes Ökosystem, in dem an einem einzigen Ort Sümpfe, Dünen, Lagunen, die Schwarzmeerküste und überschwemmte Auwälder aufeinandertreffen.
Geschichte und Entstehung der Auwälder von Igneada
Die Geografie dieser Orte hat sich über Jahrtausende hinweg entwickelt. Von den Ausläufern des Strandja-Gebirges (auf Türkisch Yıldız Dağları – Sternberge) flossen jahrhundertelang Bäche zur Schwarzmeerküste hinab, die jedes Jahr während der Hochwasserzeit Humus und Schlamm mit sich führten. So entstand direkt am Ufer eine breite Aue, in der sich die Schwemmlandterrassen in einen seltenen Waldtyp verwandelten, den die Türken „Longoz“ nennen – einen Wald, der zeitweise unter Wasser steht. Genau aus diesen saisonalen Überschwemmungen entstand das, was heute den Touristen als einer der letzten Relikt-Auenwälder Europas gezeigt wird.
Die Geschichte der Menschen an diesem Ort ist nicht weniger interessant. Den Namen İğneada (İneada) führen die Einheimischen auf den legendären İne Bey zurück – einen osmanischen Beyk, der diese Gebiete den türkischen Besitztümern angegliedert hat. Der Überlieferung zufolge trug die Siedlung, die an seinem Lager entstand, den Namen „İne“, der sich im Laufe der Zeit zum heutigen „İğneada“ wandelte. Dieser Ortsname hat sich bis heute erhalten und begegnet dem Reisenden auf den Wegweisern schon lange vor der Einfahrt in den Ort.
Lange Zeit blieben diese Wälder ein halbvergessener Winkel Ostphrakiens: Hier gab es weder große antike Städte noch mittelalterliche Festungen, die Touristen in andere Regionen der Türkei lockten. Dafür gab es Stille, Fisch und Brennholz – das reichte den kleinen Dörfern Demirköy, Begendik und İğneada selbst. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts stellten Wissenschaftler fest, dass die Subasar-Wälder (Überschwemmungswälder) rund um den Bach Çavuşdere einer der letzten Orte sind, an denen Flora und Fauna erhalten geblieben sind, die im übrigen Südosteuropa verschwunden sind.
Am 13. November 2007 wurden die Gebiete mit unterschiedlichem Schutzstatus zu einem einzigen Nationalpark zusammengefasst. Seitdem hat die Direktion für Naturschutz und Nationalparks (Doğa Koruma ve Milli Parklar Genel Müdürlüğü) des Ministeriums für Umwelt und Forstwirtschaft die Verwaltung des Gebiets übernommen, ein Netz aus Holzstegen und Aussichtsplattformen errichtet und die Auwälder von İgneda zu einem der wenig bekannten, aber stimmungsvollsten Naturziele der Türkei gemacht.
Das Dorf Igneada selbst liegt im Bezirk Demirköy und lebte vor der Ausweisung zum Park von bescheidenem Sommertourismus und Fischfang im Schwarzen Meer. Seit 2007 kam eine neue Funktion hinzu – der Zugang zum Nationalpark: Pensionen wurden eröffnet, Vogelbeobachtungsführer tauchten auf, und ein kleines Umweltbildungszentrum nahm seinen Betrieb auf. Dennoch blieb der Massentourismus aus, und viele Wanderwege sind selbst an Wochenenden nach wie vor menschenleer.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Hier gibt es keine „Architektur“ im üblichen Sinne – keine Fassaden, Kolonnaden oder Moscheen. Dafür gibt es die Architektur der Natur: fünf Seen unterschiedlicher Beschaffenheit und Charakter, ein zehn Kilometer langer Dünenstreifen, die Longoz-Wälder selbst und ein schmaler Streifen Schwarzmeerstrand. Die Route durch den Park verläuft in der Regel als Rundweg oder als Kette von Punkten, zwischen denen man bequem mit dem Auto hin- und herfahren kann, wobei jeder Punkt einen kurzen Fußweg von 20–40 Minuten erfordert.
Der Erikli-See – eine Lagune, die im Sommer vom Meer abgeschnitten ist
Erikli (Erikli Gölü) erstreckt sich über 43 Hektar und liegt nördlich des Dorfes. Es handelt sich um eine Lagune: Im Winter und im Frühling ist sie durch einen schmalen Kanal mit dem Meer verbunden, im Sommer jedoch, wenn die Verdunstung den Zufluss übersteigt, trennt sie sich vom Schwarzen Meer und wird zu einem fast eigenständigen Gewässer. Die Ufer sind schilfbewachsen, das Wasser klar, und bei Sonnenuntergang versammeln sich hier Reiher und Watvögel.
Der Mert-See – das Hauptgewässer des Parks
Der Mert-See (Mert Gölü) mit einer Fläche von 266 Hektar ist der größte und bekannteste See des Parks. Er hat sich an der Mündung des Çavuşdere-Baches gebildet und ist von einem echten Auwald aus Esche, Erle, Eiche und Buche umgeben. Zum Ufer führt ein Holzsteg mit Aussichtsplattformen – genau von hier aus entstanden die bekanntesten Postkartenmotive von İnegöl, auf denen sich die Baumstämme im spiegelglatten Wasser widerspiegeln.
Der Saka-See und die kleinen Seen – Hamam und Pedina
Im Süden des Parks, zwischen dem Longoz und den Dünen, liegt versteckt der kleine See Saka (Saka Gölü, nur 5 Hektar groß). Er ist vom Meer nur durch einen schmalen Sandstreifen getrennt und taucht oft in Listen der „ruhigsten Seen Thrakiens“ auf. Etwas weiter landeinwärts, ein bis zwei Kilometer vom Ufer entfernt, liegen zwei weitere kleine Gewässer: Hamam (Hamam Gölü, 19 ha) und Pedina (Pedina Gölü, 10 ha). Diese Seen sind weniger zugänglich und daher interessant für diejenigen, die Abgeschiedenheit suchen und versuchen, einen Otter oder einen Schwarzstorch zu sehen.
Dünen und Longos-Wald
Ein zehn Kilometer langer Dünenstreifen teilt den Park in zwei Naturzonen. Im Norden erstrecken sie sich von Erikli bis zur Ortschaft Igneada, im Süden vom Murt-Ausfluss zum Meer bis in die Umgebung von Saka und erreichen stellenweise eine Breite von 50–60 Metern. Auf den Dünen wachsen endemische Pflanzenarten, die nur für die südwestliche Schwarzmeerregion charakteristisch sind; sie stehen unter internationalem Schutz. Und nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt beginnt der überschwemmte Wald: jene Eschen, Eichen, Erlen und Buchen, die von Lianen und Efeu umrankt sind und bei Hochwasser buchstäblich im Wasser stehen.
Der Küstenstreifen des Schwarzen Meeres
Hinter den Dünen liegt ein menschenleerer Strand mit dunklem Sand und Kieselsteinen, fast ohne Bebauung. In den warmen Monaten kann man baden, aber die Strömungen sind hier stark, und man sollte vorsichtig schwimmen. Dafür ist die Küste ideal für Spaziergänge und Fotos: Wellen, vom Sturm angespülte nasse Baumstämme und in der Ferne die bulgarische Grenze und die Silhouette der bewaldeten Stranja-Hügel.
Flora und Fauna – das, wofür sich die Reise lohnt
In den Wäldern überwiegen die Gemeine Esche (Fraxinus excelsior), die Eiche (Quercus), die Erle (Alnus), die Buche (Fagaceae) und der Ahorn (Aceraceae); ein charakteristisches Merkmal sind nach wie vor die Kletterpflanzen – Lianen, Efeu und Wildreben –, die die Stämme umschlingen und jenen „Dschungel“-Effekt erzeugen, wegen dem Fotografen nach Igneada reisen. Die Vogelwelt umfasst den Seeadler, den Grünspecht, den Graureiher, den Schwarzstorch, den Wiedehopf, den Kuckuck, den Eisvogel und Eulenarten. Zu den Säugetieren gehören Waldkatze, Wildschwein, Feldhase, Waldmarder, Dachs, Eurasischer Wolf, Rothirsch, Fuchs und Otter. In den Süßgewässern werden Forellen, Stinte und Meeräschen gefangen, und im Winter und Sommer kommen vom Schwarzen Meer her Sardellen, Stöcker, Wittlinge und Flundern. Unter den Reptilien kommen die Balkan-Schildkröte, der Kareliner-Molch, die Aspisviper und die Gewöhnliche Ringelnatter vor.
Interessante Fakten und Legenden
- Der Name İğneada wird in lokalen Überlieferungen mit dem osmanischen Bek İne Bey in Verbindung gebracht, der diese Gebiete den türkischen Besitztümern angegliedert hat; der Name „İne“ verwandelte sich im Laufe der Zeit in „İğneada“ – dies ist ein seltener Fall, in dem ein türkischer Ortsname die Erinnerung an eine bestimmte Person bewahrt.
- Die Auwälder von İğneada gehören zu den letzten erhaltenen Beispielen für überschwemmte Laubwälder in Europa; in den meisten europäischen Ländern sind solche Ökosysteme bereits im 19. und 20. Jahrhundert unter dem Druck der Landgewinnung verschwunden.
- Zu den Bewohnern des Parks zählen der Seeadler (Haliaeetus albicilla), der Schwarzstorch (Ciconia nigra) und der Eurasische Otter (Lutra lutra) – drei Arten, die Ornithologen als Indikatoren für ein vollkommen gesundes Süßwasser-Ökosystem betrachten.
- Im Jahr 2007 wurden die Auwälder von Igneada zum 39. Nationalpark der Türkei erklärt – dieser Status wurde gleich mehreren angrenzenden Schutzgebieten verliehen, die zu einem einzigen Gebiet zusammengefasst wurden.
- Der Erikli-See wird jeden Sommer vom Meer „abgeschnitten“: Der Wasserstand sinkt, die Sandbank schließt sich, und die Lagune verwandelt sich bis zu den Herbstregenfällen in einen eigenständigen See – die lokalen Fischer haben ihren Fischereikalender seit Jahrhunderten an dieses Phänomen angepasst.
Anreise
Igneada liegt im äußersten Nordwesten der Türkei, im Bezirk Demirköy der Provinz Kırklareli, nahe der Grenze zu Bulgarien. Von Istanbul aus sind es etwa 250 km und rund drei Stunden Fahrtzeit. Am bequemsten ist die Anreise mit dem Auto: über die Autobahn O-3 durch Saray und Vize, weiter über Poyralı, Demirköy und nach Igneada. Von Edirne aus dauert die Fahrt etwa zwei Stunden.
Ohne Auto gelangt man mit Linienbussen vom Istanbuler Busbahnhof (Otogar) nach Kırklareli oder direkt nach Demirköy und von dort mit einem lokalen Dolmuş in die Ortschaft İgnada. Die Route führt über Silivri, Çorlu, Lüleburgaz und Pınarhisar. Die Fahrt ist lang (4–5 Stunden mit Umstiegen), und für eine eigenständige Erkundung des Parks ist ein Auto dennoch empfehlenswert: Die Sehenswürdigkeiten im Park liegen 5–10 Kilometer voneinander entfernt, und es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel zwischen den Seen.
Eine Alternative ist die Teilnahme an einem Wochenendausflug ab Istanbul: Solche Touren werden in der Hochsaison regelmäßig von Umweltvereinen und Reiseveranstaltern organisiert. Der Eintritt in den Park ist kostenlos, für das Parken an einigen Aussichtspunkten wird jedoch eine geringe Gebühr erhoben. Wenn Sie von Edirne aus anreisen (was praktisch ist, wenn Sie die Reise mit einer Besichtigung der Sinan-Moscheen verbinden möchten), führt die Strecke über Kırklareli und Demirköy und dauert insgesamt etwa zwei Stunden; die Straße ist malerisch und führt durch die bewaldeten Ausläufer des Strandschi-Gebirges.
Tipps für Reisende
Die beste Reisezeit ist der späte Frühling (April–Mai) und der frühe Herbst (September–Oktober). Im Frühling steht der Auwald teilweise im Wasser, das Laub ist frisch und der Wasserstand in den Seen hoch – das sorgt für die berühmten „Spiegelbilder“. Im Herbst färbt sich der Wald kupfer- und goldfarben, und die Wochenendausflügler sind verschwunden. Der Sommer ist hier heiß und feucht, und die größte Unannehmlichkeit sind die Mücken: In diesem sumpfigen Gebiet kommt man ohne Insektenschutzmittel nicht aus.
Praktische Tipps: Nehmen Sie wasserdichtes Schuhwerk mit, besonders in der Übergangszeit – die Holzstege führen stellenweise direkt ins Wasser; Insektenschutzmittel gegen Mücken und Stechmücken; ein Fernglas zur Vogelbeobachtung; Trinkwasser und einen Snack, da es im Park fast keine Cafés gibt (nur im Dorf Igneada gibt es einige einfache Lokale). Das Baden in den Seen ist verboten, und am Schwarzmeerstrand geschieht es auf eigene Gefahr: Es gibt keine Rettungsschwimmer, und die Strömungen sind tückisch.
Von der Parkverwaltung empfohlene Aktivitäten sind: Fotografieren, Vogelbeobachtung, Ökotourismus, leichte Wanderrouten durch den Wald und die Dünen sowie Picknicks auf speziell dafür eingerichteten Plätzen. Die besten Monate für die Vogelbeobachtung sind die Zugzeiten (Ende März–April und September), wenn Schwärme von Störchen und Raubvögeln über die Strandja ziehen. Die lokale Küche ist fischlastig: An der Küste werden frische Hams, Stavrida und Flunder serviert, einfach gebraten oder in Form von thrakischen Fladen, und in den Walddörfern gibt es hausgemachten Joghurt, Weißkäse und Banitsa mit Käse (ein Erbe der bulgarischen Grenzregion).
Für den russischen Reisenden sind die Auwälder von Igneada eine hervorragende Alternative zu den üblichen „Postkarten“-Routen der Türkei. Während Kappadokien und Pamukkale längst zu einer touristischen Fließbandattraktion geworden sind, herrscht hier noch das Gefühl eines echten nördlichen Waldes, der in gewisser Weise an die im Frühling über die Ufer tretenden russischen Auen der Oka oder der Pripjat erinnert, nur mit türkischen Ortsnamen und Blick auf das Schwarze Meer. Planen Sie einen ganzen Tag für den Park ein, übernachten Sie im Dorf Igneada in einer kleinen Familienpension und versuchen Sie nicht, alles in ein paar Stunden abzufahren – die Auwälder von Igneada offenbaren sich in der Stille, in den Spiegelungen der Baumstämme und im gleichmäßigen Rauschen der Schwarzmeerbewegung hinter den Dünen.